19.09.2019 Opinions

Ach­tung: Den­ken ver­bo­ten! Bür­ger haf­ten für ihren Ver­stand

Von Doreen Neuendorf

Bestsellerautor Richard David Precht („Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“) hat ein gutes Gespür für Bestsellerformulierungen. Eine davon lieferte er kürzlich im Interview mit der Augsburger Allgemeinen ab: „Die Menschen lieben Verbote. Das ist etwas, was Politiker nicht verstehen. Die meisten Leute sind natürlich erst einmal dagegen, aber nachher sind sie froh, dass es die Verbote gibt.“

Da hat er recht. Denn Verbote geben Orientierung. Sie helfen vor allem jenen Menschen, die sonst eher etwas orientierungslos in ihrem gesellschaftlichen Umfeld umherwandeln und nicht so richtig wissen, wohin mit all ihrer Entscheidungsfreiheit. Die Menschen orientieren sich gerne an verhaltensbasierten Zäunen, zwischen denen sie dann ihren Weg finden. Links ist ein Verbotszaun? Rechts ist ein Verbotszaun? Fein. Dann ist der Weg einfach zu finden und man braucht sich auch nicht wirklich Gedanken darüber zu machen. Aber ist das der richtige Weg? Was bedeutet das für den Diskurs in einer Gesellschaft?

Was es braucht, ist ein offener Dialog, eine Diskussionskultur, in der es auch mal hitzig werden darf – in der sich aber Meinung formt. Es ist der mühsamere Weg hin zu einer optimaleren Gesellschaft, aber es ist der nachhaltigere Weg. Wir müssen dafür Konflikte austragen und gegebenenfalls auch hinnehmen, dass wir uns mit unseren Argumenten nicht durchsetzen konnten.

Traditionelles Bleigießen an Silvester verbieten?

Das ergäbe nur dann Sinn, wenn wir offen zugeben würden, dass wir davon ausgehen, dass es passionierten Bleigießern nicht gelingt, das Blei nicht zu verschlucken oder darauf herumzulutschen. Ganz abgesehen von den verpflichtenden Hinweisen der Hersteller, die ohnehin seit Jahren auf den Packungen stehen. Die weiterhin kritisierten Bleipartikel in der Raumluft dürften weitaus weniger belastend sein, als die ganzjährige Belastung, der sich Anwohner der meistbefahrenen Straßen in deutschen Großstädten ausgesetzt sehen. Nun gut, dieses Verbot ist real – auch, wenn es klingt wie eine der erfundenen Geschichten über die Regulierungswut in Brüssel, die Boris Johnson sich seinerzeit ausgedacht hat. Erfunden hatte er unter anderem, dass Fischer in der EU Haarnetze tragen müssten.

Apropos verpflichtende Hinweise: In der Anleitung zur Mikrowelle steht auch drin, dass wir damit keine kleinen Haustiere nach dem Baden trocknen sollen. Aber verbieten wir jetzt auch Mikrowellen?

Köln ruft 2019 übrigens erstmals kurz vor dem Feuerwerkspektakel „Rhein in Flammen“ im Rat der Stadt den Klimanotstand aus. Ist das die nächste Stufe der konsequent-rheinischen Art, sich den katholischen Glauben („Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weibes“) zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch ein wenig zurechtzudengeln?

Tansania verbietet Plastiktüten

Gute Idee. Aber dann schauen Sie sich einmal an, wie es in Tansania zum Zeitpunkt des Verbotes aussieht und wo man überall Plastiktüten findet. Da ist die Nachhut der Müllfahrzeuge beim Oktoberfest nichts dagegen. Das ist schlimm und wenn bei uns die Bäume voller Plastiktüten hängen würden, das Wasser der Flüsse vor lauter Plastikmüll nicht mehr mit bloßem Auge zu sehen wäre, dann müsste auch hier als allererste Lösung schnell ein Verbot her.

Waren Sie in diesem Feriensommer in einem südlichen europäischen Land? Dann ist Ihnen beispielsweise in Spanien aufgefallen, dass auf Einwegplastikflaschen kein Pfand erhoben wird, Mülltrennung eher in den beiden Kategorien: „Wir werfen es in die Umwelt“ oder „Wir werfen es in einen Mülleimer“ erfolgt. Ihnen ist dann aufgefallen, dass die Folien-Umverpackung der Six-Packs-Wasserflaschen sich doppelt bis dreimal so dick anfühlt und auch die Einweg-PET-Flaschen spürbar dicker sind als bei uns. Da wäre noch reichlich Potenzial für die Umwelt.

Auch den Milchkarton könnte man verbieten. Wird die Welt dann besser? Nun ja: Die Glasflaschen, in denen dann die Milch verkauft wird, haben einen Kunststoffüberzug, da Kunden keine angestoßenen Milchflaschen kaufen möchten und der Kunststoffüberzug vor Abstoßungen beim Transport schützt. Sie schaffen – wegen Glasbruch – ihre Mindestumläufe (ca. 15) nicht, müssen aufwendig gereinigt werden, verlieren wegen Lichteinfalls Vitamin B aus der Milch und werden wegen des Transportrisikos in Styroporgebinden transportiert. Sie benötigen im LKW ein erhöhtes Kühl- und Lagervolumen. Weißglas ist übrigens Primärglas – nur ein paar bunte Flaschen in den falschen Container geworfen, verhindern, dass aus gebrauchtem Weißglas wieder neues Weißglas wird.

Und am besten tragen Sie die sechs Milchflaschen für die Familie in der Papiertüte bei leichtem Nieselregen zu Fuß nach Hause, denn mit dem Auto einkaufen zu fahren sollte verboten werden. Dafür haben wir schließlich die ganzen Geschäfte in der Nahversorgung und die ersten Diesel-Fahrverbote in den Innenstädten.

Merken Sie, dass es besser wäre, eine vernünftige Bilanz in der Waage zu haben, als ein Verbot hier und ein anderes Verbot dort?

Die Grünen fordern ein Verbot von Luftballons. Sollen die Grünen doch einfach für sich entscheiden, keine Ballons mehr zu verteilen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Vielleicht setzt sich das durch – vielleicht aber auch nicht. Lassen wir es in einer freien Gesellschaft doch einfach mal ohne weitere Verbote laufen.

E-Scooter vs. Dieselbus

Wir wollen den Autoverkehr in den Innenstädten einschränken und teilweise sogar ganz verbieten. OK. Werfen wir einen Blick darauf: Wer sammelt eigentlich nachts die ganzen E-Scooter ein, die morgens frisch geladen wieder an den Straßenecken stehen für die scheinbar umweltbewusste urbane Mobilität? Ach: Das sind ja großvolumige Dieselfahrzeuge. Da ist der Umwelt mit einem Diesel-Fahrverbot sehr geholfen. Die Süddeutsche Zeitung hat die Lebensdauer der E-Scooter mit einem Dieselbus gegengerechnet. CO2-Ausstoß pro Fahrgast-Kilometer E-Scooter: 126 Gramm, Dieselbus der Verkehrsbetriebe: 51 Gramm. Erzählen Sie aber mal einem urbanen Öko-Hipster, dass der Dieselbus hier die bessere Umweltbilanz hat, als das Elektrofahrzeug, mit dem er gerade an der Innenalster herumkurvt. Viel Spaß dabei! Schreiben Sie mir doch bitte anschließend einmal Ihre Erfahrungen im Umgang mit gesellschaftlicher Ächtung und sozialer Isolation.

Natürlich muss ich hier gegen Ende meiner Verbots-Beschimpfung auch die Forderung nach einem generellen Rauchverbot in Deutschland ansprechen – schließlich erscheint dieser Text bei Ree:Think. Also los: Ein generelles Rauchverbot verdummt auch den Nichtraucher. Denn: Er kann gar nicht mehr entscheiden, ob er Nichtraucher sein möchte, oder nicht: Er raucht dann nicht mehr, weil es verboten ist.

Welches Risiko für uns Menschen verbieten wir als nächstes? Downhill-Mountainbiking? Fallschirmspringen? Freeclimbing? Motorradfahren? Ohne-Helm-zu-Fuß-durch-die-Stadt-Gehen?

Lassen Sie uns den Diskurs führen. Natürlich ist es angenehmer, wenn während des Essens am Restauranttisch nicht geraucht wird. Aber wir sollten den Menschen mit gesundem Menschenverstand beikommen – nicht mit Verboten, weil wir ihnen den Verstand nicht mehr zutrauen.

 

Ihre

Doreen Neuendorf (@ladoreen)

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