Raucherzone, Markierung, Fussboden
06.04.2017 Opinions

Das Ende der Öffent­lich­keit – die gehei­me Ziga­ret­te

Noch exis­tiert in Deutsch­land kein Rauch­ver­bot im Auto. Doch durch­läuft das Bild des Rau­chens in unse­rer Gesell­schaft einen tie­fen Wan­del. Dabei spie­len auch sozia­le Medi­en eine wich­ti­ge Rol­le.

Den Lieb­lings­song voll auf­dre­hen, raus aus dem All­tag, aus­bre­chen, unab­hän­gig sein – für vie­le Men­schen gilt das Auto als letz­ter pri­va­ter Rück­zugs­raum, hier kön­nen sie noch freie Ent­schei­dun­gen nach Lust und Lau­ne tref­fen. Dazu gehört auch das Rau­chen, denn (noch) ist das Rau­chen im Auto in Deutsch­land erlaubt. Anek­do­ten über stun­den­lan­ge Auto­fahr­ten in den Süden, bei denen Mama und Papa bei geschlos­se­nem Fens­ter eine Ziga­ret­te nach der ande­ren ange­zün­det haben, kann fast jeder erzäh­len. Heu­te kaum mehr vor­stell­bar – das Bild des Rau­chens in der Öffent­lich­keit ist einem gesell­schaft­li­chen Wan­del unter­zo­gen. Das betrifft pri­va­te Räu­me aber eben auch öffent­li­che Berei­che.

Rauchen in der Öffentlichkeit: dort, wo es gefiel

Ein Blick zurück zeigt, dass Rau­chen in der Öffent­lich­keit vor eini­gen Jahr­zehn­ten noch ganz selbst­ver­ständ­lich war. Ob in Restau­rants, in Büros oder auf U-Bahn­hö­fen – geraucht wur­de, wo es gefiel. Ein Spie­gel der Zeit vor der digi­ta­len Revo­lu­ti­on, vor der Schnell­le­big­keit unse­res heu­ti­gen All­tags? Was damals den Geruch von Frei­heit ver­ström­te, wirkt heu­te selt­sam deplat­ziert. Und sorgt gleich­zei­tig für Auf­se­hen: Beim ZDF-Talk „Schulz & Böh­mer­mann“ sind Trin­ken und Rau­chen aus­drück­lich erwünscht und zahl­rei­che Gäs­te kom­men der Auf­for­de­rung nach – was bei der Erst­aus­strah­lung in 2016 zu auf­ge­brach­ten Dis­kus­sio­nen führ­te. In den 80er-Jah­ren wäre das kein The­ma gewe­sen: Ganz selbst­ver­ständ­lich zün­de­ten sich Stars und Poli­ti­ker im Fern­se­hen Pfei­fen, Zigar­ren und Ziga­ret­ten an.

Mit Face­book, Insta­gram oder Snap­chat haben wir es mit einer anders gela­ger­ten Öffent­lich­keit zu tun. Wer hier Fotos von sich beim Rau­chen in der Öffent­lich­keit zeigt, ist unmit­tel­bar den Kom­men­ta­ren der Nut­zer aus­ge­setzt. Man­che set­zen die­ses Kal­kül bewusst für die per­sön­li­che Selbst­dar­stel­lung ein – und pola­ri­sie­ren damit.

Wenn ich auf Insta­gram Bil­der mit einem Glas Grau­bur­gun­der in der Hand pos­te, nei­den mir Men­schen ein pseu­do-gla­mou­rö­ses Leben“, schreibt Auto­rin Ron­ja von Rön­ne auf www.welt.de „Wenn ich eine Ziga­ret­te im Mund habe, rie­selt es trau­ri­ge Kom­men­ta­re“. Wer die All­tags­pra­xis des Rau­chens in der Öffent­lich­keit oder in den sozia­len Netz­wer­ken für sich wählt, muss sich heu­te über sei­ne Außen­dar­stel­lung in der Gesell­schaft bewusst sein. Die Per­son, die sich Zeit ihres Lebens im Bezug auf Rau­chen nicht um die Mei­nun­gen ande­rer geschert hat, war Hel­mut Schmidt: Bekann­ter­ma­ßen hat er sich ent­ge­gen allen Kon­ven­tio­nen wann immer er woll­te eine Ziga­ret­te ange­zün­det.

Wertewandel ist kein statischer Zustand

Heu­te sehen wir an Flug­hä­fen spe­zi­el­le Kabi­nen, in denen rau­chen­de Men­schen zusam­men­rü­cken, auf Bahn­stei­gen wei­sen far­bi­ge Mar­kie­run­gen Rau­cher in ihre Schran­ken. Wie konn­te es zu die­sem über Jahr­zehn­te hin­weg statt­fin­den­den Wan­del der Akzep­tanz des Rau­chens in der Öffent­lich­keit und in den Medi­en kom­men? „Rau­chen war und ist immer ein sozia­les Pro­dukt und eine gesell­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung glei­cher­ma­ßen“, weiß Kul­tur­his­to­ri­ke­rin Mela­nie Auf­en­ven­ne, Auto­rin des Buches „Feu­er gefäl­lig?“ Rauch­ver­bo­te bewir­ken ihrer Mei­nung nach kein Ver­schwin­den die­ser All­tags­pra­xis, son­dern im Gegen­teil, dem Rau­chen wer­den klar zuge­schrie­be­ne Orte vor­ge­ben.

Gesell­schaft­li­cher Wan­del lässt sich nicht künst­lich auf­hal­ten. Die Men­schen ent­wi­ckeln ein immer stär­ke­res Bewusst­sein für gesund­heit­li­che Risi­ken. Gleich­zei­tig tre­ten Geset­ze in Kraft, wel­che Nicht­rau­cher vor dem Pas­siv­rau­chen schüt­zen sol­len. Eine fried­li­che Koexis­tenz von Rau­chern und Nicht­rau­chern, bei der ein ver­ant­wor­tungs­vol­les Mit­ein­an­der gegen­sei­ti­gen Respekt bedingt, soll­te das Ziel sein.

Nicht nur schwarz und weiß

Dif­fe­ren­zen über die per­sön­lich rich­ti­ge Lebens­form sind all­ge­gen­wär­tig: Der Vege­ta­ri­er dis­kre­di­tiert den Fleisch­esser, der Rad­fah­rer beschimpft den Auto­fah­rer und der Nicht­rau­cher ver­pönt den Rauch. Unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen för­dern den gesell­schaft­li­chen Dis­kurs und ein leben­di­ges Mit­ein­an­der. Aller­dings nur, solan­ge die indi­vi­du­el­le Mei­nung nicht in Stig­ma­ti­sie­rung und Aus­gren­zung bestimm­ter Kon­su­men­ten­grup­pen mün­det. Akzep­tie­ren wir die frei­en Ent­schei­dun­gen unse­rer Mit­men­schen, ist das ein posi­ti­ves Signal in Rich­tung einer auf­ge­klär­ten, respekt­vol­len Gesell­schaft.