30.11.2017 Stories

Die Mul­ti-Opti­ons­ge­sell­schaft: für die Wahl ohne Qual

Stän­dig tref­fen wir Ent­schei­dun­gen. Täg­lich aufs Neue, hun­dert­fach, bewusst oder unbe­wusst. Wir leben in einer Zeit, in der neue Optio­nen im Minu­ten­takt rein­kom­men, Ent­schei­dun­gen gefragt sind und jedem grund­sätz­lich erst ein­mal alles mög­lich und gestat­tet ist. Das ist nicht immer ein­fach und jede Ent­schei­dung kann mor­gen eine neue erfor­dern. Aber ist das schlimm?

Frü­her gab es einen fes­ten Rah­men, das Eltern­haus oder die Gesell­schaft per se gaben vor, was „man darf“ oder „was mög­lich“ ist. Immer gemes­sen an den Erwar­tun­gen der Gesell­schaft. Damals waren die Wahl­mög­lich­kei­ten eher ein­ge­schränkt. Die­se Gren­zen sind auf­ge­bro­chen. Heu­te strebt jeder mit sei­nen indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen nach dem per­fek­ten Leben. Indi­vi­dua­lis­mus als Lebens­ent­wurf.

Schon Anfang der Neun­zi­ger­jah­re präg­te der Schwei­zer Sozio­lo­ge Peter Gross den Begriff der Mul­ti-Opti­ons­ge­sell­schaft: immer mehr Mög­lich­kei­ten, immer mehr Unge­wiss­hei­ten!

Die Folgen des individuellen und gesellschaftlichen Begehrens nach immer „Mehr“ beschäftigen uns weiterhin

Gut zwan­zig Jah­re spä­ter sind unzäh­li­ge wei­te­re Optio­nen hin­zu­kom­men, zwi­schen denen wir uns tag­täg­lich ent­schei­den müs­sen: vir­tu­ell oder real, vega­nes Schnit­zel oder „ech­tes“ Steak, hun­dert Likes oder ein wah­rer Freund. Und noch mehr – wenn wir unser Leben ent­spre­chend den gebo­te­nen Mög­lich­kei­ten selbst­be­stimmt in die Hand neh­men wol­len, müs­sen wir uns mit vie­len wei­te­ren Din­gen aus­ein­an­der­set­zen: poli­ti­schen Optio­nen bei der Wahl, per­sön­li­chem Ein­satz – oder nicht – bei Umwelt­the­men, Ver­zicht auf per­sön­li­che Frei­zeit zuguns­ten eines ehren­amt­li­chen Ein­sat­zes. Die Lis­te ist lang. Man­che Ent­schei­dun­gen – ins­be­son­de­re die grö­ße­ren – erfor­dern Mut, vor allem eine Mei­nung. Und das ist gut so.

Pro Entscheidungsfreiheit: Wir haben die Wahl!

Wir haben das Glück in einer Gesell­schaft zu leben, in der wir grund­sätz­lich erst ein­mal alle Mög­lich­kei­ten haben. Oder um ein CDU-Pla­kat aus dem dies­jäh­ri­gen Wahl­kampf zu zitie­ren – zu sehen ist die drei­jäh­ri­ge Ange­la Mer­kel: „Für ein Deutsch­land, in dem jeder alles wer­den kann.“

Das The­ma Chan­cen­gleich­heit soll an die­ser Stel­le gar nicht dis­ku­tiert wer­den, aber: Wir dür­fen und soll­ten unse­re Ent­schei­dun­gen selbst tref­fen – und das auf einer auf­ge­klär­ten, infor­mier­ten Basis. Und der gebo­te­nen Eigen­ver­ant­wor­tung. Das kann für eine Gesell­schaft nur berei­chernd sein, ihr Sein von allen Sei­ten zu betrach­ten, mit­zu­ma­chen und vor allem in den gegen­sei­ti­gen Dia­log zu tre­ten.

Das bedeu­tet im Umkehr­schluss, dass wir ler­nen müs­sen, die für uns bes­te Ent­schei­dung zu erken­nen und zu tref­fen – zu oft wird sie uns abge­nom­men oder wir neh­men ein Sub­sti­tut als „echt“ war, weil wir ver­lernt haben, das Ori­gi­nal zu erken­nen. Nur wenn wir eine Mei­nung haben, kön­nen wir in einen ver­nünf­ti­gen Dia­log tre­ten, strau­cheln nicht in einer Mul­ti-Opti­ons­ge­sell­schaft. Und auch nicht unwich­tig: Im Bewusst­sein der vie­len Mög­lich­kei­ten müs­sen wir zudem nicht alles wol­len und nicht alles haben.

Die gute Nach­richt: Mit Mut zu authen­ti­schen Ent­schei­dun­gen bie­tet sich uns eine groß­ar­ti­ge Chan­ce, unser Leben und unser Umfeld zu gestal­ten. Was für eine Chan­ce: eine selbst­be­wuss­te Wahl!

Übri­gens: In den jüngst abge­bro­che­nen Son­die­rungs­ge­sprä­chen wur­de rund um das The­ma Ver­brau­cher­schutz zum Bei­spiel ein dif­fe­ren­zier­tes Ver­brau­cher­leit­bild benannt, „das sowohl umfas­sen­de Bera­tung und Trans­pa­renz als auch Infor­ma­ti­on ent­hält, um selbst­be­wuss­te Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen.“