27.06.2018 Opinions

I’ve been loo­king for Free­dom!”

Verbote, Vorschriften, gesellschaftliche Zwänge: Immer mehr Regelungen schränken uns ein.  Aber es gibt sie noch, die Orte, an denen wir uns ausleben können. Der große Freiheits-Check zeigt, wo.

Mai 2018: David Hasselhoff beendet seine Tournee „30 Years Looking for Freedom“ durch Städte wie Jena, Leipzig und Wetzlar. Sie war quasi der inoffizielle Start der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls – in der Silvesternacht 1989/90 sang „The Hoff“ den Song „Looking for Freedom“ am Brandenburger Tor.

Sowohl musikalisch als auch optisch hat die Wende vielleicht eine bessere Hymne verdient. Nicht bestreitbar ist der besungene gigantische Gewinn an Freiheit für Deutschland durch den politischen Umbruch 1989. Aber stimmt das auch für die kleinen Dinge des Lebens? Sind wir im Alltag nach „30 Years Looking for Freedom“ wirklich freier?

Fünf Orte des alltäglichen Lebens im Freiheits-Check:

 

DIE STADT

Fangen wir da an, wo „The Hoff“ damals, behängt mit einer Lichterkette, auf einer Hebebühne den Hit zum Besten gab. Das Brandenburger Tor war bis 1989 Teil des Todesstreifens. Unfreier geht's kaum. In der Silvesternacht dann das völlige Gegenteil: Überforderte Volkspolizisten konnten die ungezähmt schunkelnde Masse auf der Mauer und auf dem Platz nicht bändigen. Selbst per Auto konnte man wieder durch das Tor von Ost nach West fahren. Heute sieht das anders aus: Nur noch Fußgängerverkehr ist möglich. Botschaften und politische Institutionen machen den Pariser Platz zum vielleicht am stärksten videoüberwachten Raum Deutschlands.

In Rest-Berlin sind die vielen öffentlichen Räume und Brachflächen, die nach der Wende existierten, inzwischen wieder in privater Hand und bebaut. Shopping Malls gaukeln uns einen öffentlichen Raum vor, der in Wirklichkeit streng reguliert ist. „Gated Communities“ machen ganze Häuserkomplexe zu geschlossenen Privatarealen mit Pförtnern.

Immerhin: Für Public Viewing während der Fußball-WM gelten Ausnahmeregelungen, der Lärmschutz ist gelockert, sodass auch die späten Spiele noch im Freien geguckt werden können.

Freiheitsgrad: niedrig.

 

DIE WOHNUNG

Wie ist es mit Fußballjubel in den eigenen vier Wänden? Hier greifen auch während der WM die gesetzlichen Regelungen: Zwischen 22 und 7 Uhr ist absolute Nachtruhe. Klar, über Torjubel wird sich keiner aufregen. Den Einsatz von Trillerpfeifen und Hupen sollte man aber vermeiden.

Bei tobenden Kindern zu Hause und auf Spielplätzen haben Gerichte zum Glück inzwischen entschieden, dass Mieter nur eingeschränkt dagegen vorgehen können. Rauchen ist in der eigenen Wohnung nach wie vor erlaubt, solange die Nachbarn nicht beeinträchtigt werden. Neue Grenzen sind durch Airbnb-Homesharing entstanden. So ist die Vermietung von Räumen via Airbnb zum Beispiel in Touristenmagneten wie New York (Manhattan) und Berlin eingeschränkt, in Palma de Mallorca ganz verboten.

Grillen auf dem Balkon ist nach wie vor grundsätzlich erlaubt, es sei denn, es gibt ein entsprechendes Verbot im Mietvertrag – oder Nachbarn werden belästigt und berufen sich auf das „Immissionsschutzgesetz“. Die Einschränkungen nehmen aber zu. So verbietet die Stadt Hamburg etwa das Balkon-Grillen mit Holzkohle. Lauter Sex, Topfpflanzen auf dem Balkon, schlechtes Lüften, schwarze Wände beim Auszug, auf hohen Absätzen durch die Wohnung laufen: Mit all dem haben sich inzwischen Gerichte beschäftigt – und dafür gesorgt, dass unsere Freiheit in der eigenen Wohnung zurückgegangen ist.

Freiheitsgrad: niedrig.

 

DAS RESTAURANT

Die Vorschriften, die ein Restaurant in Sachen Lärmschutz, Hygiene und Lebensmittelqualität einhalten muss, werden immer umfangreicher. Das kann gut für die Gäste sein, für viele Restaurantbetreiber ist es schweißtreibend. Der Konsens in Sachen Nichtraucherschutzgesetz in Gaststätten ist dagegen inzwischen groß. Wer rauchen will, geht in den meisten Restaurants vor die Tür. Wie viele Freundschaften und Beziehungen seit Einführung des Gesetzes 2007 entstanden sind, weil Raucher dort ins Gespräch gekommen sind, ist leider nicht statistisch erfasst. Eine neue Freiheit hat sich durch E-Zigaretten aufgetan. Sie bieten nicht nur die Freiheit, sich für eine gesündere Art des Genusses zu entscheiden. Dadurch, dass sie nur harmlosen Dampf ausstoßen, geben sie dem Nutzer und seiner Umwelt die Entscheidungsfreiheit, wo sie genutzt werden. Dabei gehen die meisten E-Zigaretten-Fans trotzdem weiterhin vor die Tür, ein Beispiel dafür, dass man sich bei respektvollem Miteinander auch mal die eine oder andere rechtliche Regelung sparen kann.

Freiheitsgrad: mittel.

 

DIE STRAẞE

Für viele Menschen fast wichtiger als das eigene Zuhause: die Blechwände des eigenen Vehikels. Die Vorschriften für Automobile haben in den letzten 30 Jahren massiv zugenommen – zu aller Nutzen. Sicherheitsvorschriften sorgen für gute Qualität bei Kindersitzen, genauso wie bei der Pflicht, immer eine Sicherheitsweste im Auto zu haben.

Einschneidender sind die neuen Verbote von Dieselfahrzeugen in bestimmten Straßen, wie sie bereits in Hamburg aktiv sind.

Auf einen großen Freiheitszuwachs können wir uns hier schon freuen: Wenn endlich autonom fahrende Autos Standard sind, erledigen wir bei langen Autofahrten wichtige Dinge wie Autobahnfotos-auf-Instagram-Posten und Canasta-Spielen.

Freiheitsgrad: niedrig.

 

DIE NATUR

Eine gute Nachricht am Ende: In Deutschland wohnen zwar 229 Menschen pro Quadratkilometer, dennoch gibt es sie noch, die unberührten Ecken – dort, wo wir unsere Freiheit richtig ausleben können. Zwar ist wildes Campen an öffentlich zugänglichen Orten nach wie vor verboten. Aber: Es entstehen selbst in Deutschland neue Orte für das Ausleben des Freiheitsdrangs in der Natur, etwa die brandneue Lausitzer Seenplatte. Im Sommer 2018 ist dort zum Beispiel der Großäschener See, vormals eine riesige Braunkohletagebau-Schlucht, endlich komplett geflutet. An den Ufern der Bergbaufolgeseen gibt es neue Sporthäfen, Hotels und Campingplätze. Freiheitsliebende sind willkommen!

Freiheitsgrad: hoch.

 

Unser Freiheits-Check ergibt also eine gemischte Bilanz. Vielleicht sollte David Hasselhoff noch öfter durch Deutschland touren und das Thema Freiheit ausloten. Er muss es ja nicht so intensiv tun, wie bei seinen letzten Konzertauftritten, als er ein Straßenschild verschönerte und einen Stunt-Einsatz auf einer deutschen Autobahn hinlegte.