10.03.2017 Opinions

Nud­ging: Der erho­be­ne Zei­ge­fin­ger erobert die Welt

Durch das soge­nann­te „Nud­ging“ will der Staat den Bür­ger zu einem „bes­se­ren“ Ver­hal­ten ani­mie­ren. Doch das Mit­tel der psy­cho­lo­gi­schen Mani­pu­la­ti­on ist nicht unum­strit­ten.

Seit zwei Jah­ren beschäf­tigt sich die Bun­des­re­gie­rung inten­siv mit dem The­ma Nud­ging. Damals hat das Bun­des­kanz­ler­amt näm­lich die eige­ne Pro­jekt­grup­pe „Wirk­sam Regie­ren“ ins Leben geru­fen, die sich mit dem ver­hal­tens­öko­no­mi­schen Phä­no­men beschäf­tigt.

Der Trend des „Nud­gings“, zu Deutsch „Schub­sen“, kommt aus den USA und zielt dar­auf ab, Bür­ger mit klei­nen Stup­sern zu bes­se­rem Ver­hal­ten zu ani­mie­ren. Z. B., sich gesün­der zu ernäh­ren, weni­ger zu rau­chen, an die Alters­vor­sor­ge zu den­ken oder Ener­gie zu spa­ren. Mit­hil­fe ein­fa­cher psy­cho­lo­gi­scher Tricks lässt sich das Ver­hal­ten beein­flus­sen und die Ent­schei­dungs­fin­dung kor­ri­gie­ren. Mit die­ser Metho­de kön­nen Zie­le, die dem gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Inter­es­se oder indi­vi­du­el­len Inter­es­se zuträg­lich sind, ganz ohne Geset­ze und Ver­ord­nun­gen nach­hal­tig erreicht wer­den. Von den USA über Eng­land bis Däne­mark – die Welt ergreift das Nud­ging-Fie­ber.

Nudging: Erste Versuche in Deutschland können nicht überzeugen

Längst gibt es aber auch vie­le Kri­ti­ker des Nud­gings, die sagen, dass der Staat den Bür­ger auf ver­steck­te Art und Wei­se bevor­mun­de und mani­pu­lie­re. Schließ­lich beruht Schub­sen auf der Annah­me, dass wir Men­schen kei­ne ratio­na­len Wesen sei­en und nicht in der Lage, eigen­stän­dig rich­ti­ge Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Schon wird die Regie­rung zum „Nan­ny-Staat“.

Bevor aber ers­te Ergeb­nis­se von der Arbeits­grup­pe der Bun­des­re­gie­rung vor­lie­gen – die­se wer­den erst im Früh­jahr erwar­tet – berich­te­te die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung von einem gera­de ver­öf­fent­lich­ten ver­hal­tens­öko­no­mi­schen Expe­ri­ment, durch­ge­führt vom RWI Leib­niz Insti­tut in Essen. Die­ses hat­te rund 50.000 Haus­hal­ten von Strom­kun­den einen Brief geschickt, mit dem zum Ener­gie­spa­ren ani­miert wer­den soll­te. Die Wir­kung war ernüch­ternd: Es wur­de ein Ein­spar­ef­fekt von durch­schnitt­lich gera­de mal 0,18 % ermit­telt.

Selber denken, statt denken lassen

Der deut­sche Bür­ger scheint sich nicht ger­ne schub­sen zu las­sen. Wobei er gegen­über Infor­ma­ti­on und Auf­klä­rung sehr auf­ge­schlos­sen ist, wenn man die Wirk­sam­keit von Kam­pa­gnen, bei­spiels­wei­se bezüg­lich Gesund­heits­ri­si­ken beim Rau­chen, zum Ver­gleich her­an­zieht. Viel­leicht erkennt die Arbeits­grup­pe „Wirk­sam Regie­ren“ ja im Zuge ihrer Unter­su­chun­gen, dass wir viel ver­nünf­ti­ger und mün­di­ger sind, als sie ange­nom­men haben. Und dass wir kei­ne Kin­der­mäd­chen mehr brau­chen. Das wäre wün­schens­wert.