02.07.2018 Stories

Prä­ven­ti­ons­ex­per­te Jaz­bin­sek: „Die Wer­bung für E-Ziga­ret­ten muss das Ver­sa­gen der Bun­des­re­gie­rung auf­fan­gen“

„Alternativer Drogen- und Suchtbericht“ beklagt mangelnde Aufklärung staatlicher Stellen über die E-Zigarette als wichtigstes Hilfsmittel beim Rauchstopp.

So deutlich hatte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung schon lange niemand kritisiert. Von einem „Versagen“ bei der gesundheitlichen Aufklärung über die E-Zigarette sprach Dietmar Jazbinsek, Soziologe und Experte für Präventionspolitik, bei der Vorlage des Alternativen Drogen- und Suchtberichtes 2018 in Berlin.

Mit dem Bericht wollen die Herausgeber – der Bundesverband für akzeptierte Drogenarbeit (akzept e.V.), die Deutsche AIDS-Hilfe und der JES Bundesverband – einmal jährlich die Drogen- und Suchtpolitik aus der Perspektive der Praktiker beleuchten.

Drogenbeauftragte klärt nicht auf

Hauptkritikpunkt am Umgang der Bundesregierung mit dem Thema E-Zigaretten: Durch mangelnde Aufklärung staatlicher Stellen über die Vor- und Nachteile von E-Zigaretten werde die Tabakwirtschaft selbst in die Rolle gedrängt, die Informationslücke zu schließen. Jazbinsek, Mitautor des neuen Alternativen Drogen- und Suchtberichtes und einst Mitarbeiter im Berliner Forschungsverbund Public Health: „Die Werbung für E-Zigaretten muss das Versagen der gesundheitlichen Aufklärung durch die Bundesregierung auffangen.“

Ein undifferenziertes Werbeverbot lehnen die Verfasser des Berichtes daher ab – vielmehr müsse es im Sinne der Konsumenten darum gehen, bei den Werberestriktionen zwischen tabakhaltigen und tabakfreien Produkten zu unterscheiden. Jazbinsek: „Die E-Zigarette und die Tabakzigarette müssen im Diskus um Werbeverbote und Gesundheitsprävention dringend gesondert betrachtet werden.“ Stattdessen stagniere die Drogenarbeit der Bundesregierung.

In Großbritannien dagegen sei diese zum „wichtigsten Hilfsmittel“ beim Rauchstopp geworden.

 

E-Zigarette keine Einstiegsdroge

Für gereizte Stimmung sorgt bei den Herausgebern des Alternativen Drogen- und Suchtberichtes insbesondere der Umgang mit Daten und Umfragewerten. Anders als die BZgA suggeriere, seien E-Zigaretten „keine Einstiegsdroge für Jugendliche“. Entsprechende Befürchtungen hätten sich in den letzten zehn Jahren seit der Markteinführung nicht bewahrheitet. „Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führt hier ganz bewusst in die Irre“, so Jazbinsek, denn die Zahlen der BZgA hielten lediglich den sogenannten Einmalkonsum fest. „Wer einmal an einer E-Zigarette zieht, ist aber noch lange kein Dampfer oder Raucher.“

 

Werbung – die Lösung liegt im Unterschied

Um die Blockade zwischen politischen Befürwortern und Gegnern eines absoluten Werbeverbots in Deutschland zu überwinden, schlagen die Verfasser des Alternativen Drogen- und Suchtberichtes eine differenzierte Lösung vor:

Die Tabakwirtschaft sollte mehr Möglichkeiten bekommen, erwachsene Konsumenten über die Vorteile eines Umstiegs von Zigaretten auf E-Zigaretten zu informieren, gleichzeitig könnten die Beschränkungen für Tabakwerbung weiter verschärft werden. Jazbinsek: „E-Zigarettenwerbung kann dazu beitragen, die Fehleinschätzung zu korrigieren, dass E-Zigaretten genauso gefährlich sind wie Zigaretten, und dadurch mehr Raucher zu einem Umstieg motivieren.“

 

Unser Fazit

Natürlich ist es die Aufgabe der Drogenbeauftragten, Raucher zum Aufhören zu bewegen. Erfolgreicher als heute wäre das jedoch mit einer an der Sache orientierten, differenzierten Politik. Egal ob für klassische Tabakwaren oder die E-Zigarette – ein Werbeverbot für ein legales Produkt macht niemanden gesünder, wohl aber eine gemeinsame Aufklärung durch Politik, Hersteller und Handel, die Tabakraucher motiviert, auf deutlich risikoärmere Alternativen wie die E-Zigarette umzusteigen.