04.11.2016 Stories

War­um ein Tabak­händ­ler kei­ne Ziga­ret­ten mehr ver­kauft

Die Schockbilder auf Tabakwaren stechen Händlern und Konsumenten sofort ins Auge. Tabakhändler Christian Duske berichtet REE:THINK, warum er sich entschieden hat, keine Zigaretten mehr zu verkaufen.

Die Schockbilder auf Tabakwaren treffen auch den Einzelhandel: Tabakhändler Christian Duske ist eine Institution in Hamburg und erklärte nun REE:THINK, warum er heute keine Zigaretten mehr verkauft. Seit 1992 residiert Duske mit seinem Geschäft in Hamburgs nobler Einkaufsmeile Große Bleichen. Hier finden anspruchsvolle Innenstädter ausgesuchte Magazine und Zeitschriften, Zigarren, edle Rums, Portweine und bis vor Kurzem auch Zigaretten. Bis vor Kurzem. Denn Duske & Duske hat Zigaretten aus dem Sortiment genommen.

Was bringt einen Tabakhändler dazu, auf einen seiner zentralen Sortimentsteile zu verzichten? Wir besuchen Christian Duske in seinem Geschäft – und werden von einem Herrn Mitte fünfzig empfangen: Silberbrille, tadelloser Anzug, perfekte Krawatte. Mit leiser Stimme und präzisen Sätzen beginnt er zu erzählen, wie es zu seiner Entscheidung kam.

„Wissen Sie“, beginnt Duske, „als sich abzeichnete, dass die Bildwarnhinweise kommen würden, habe ich erst einmal ziemlich aufwendig umgebaut, um die neuen Packungen hinter einer Blende zu verbergen. Aber als ich dann die Realität der neuen Packungen im Großhandel sah, wurde ich doch sehr nachdenklich. Will ich das mir und meinen Mitarbeitern wirklich zumuten?“

„Würden Sie sich Gruselbilder ins Wohnzimmer hängen?"

In Duskes Laden duftet es nach Havanna-Zigarren. Leise Barockmusik läuft. An der mobilen Espresso-Bar vor dem Geschäft bereitet ein Mitarbeiter einen Cappuccino zu. Christian Duske erzählt unaufgeregt weiter. Er selbst rauche nur Zigarren. Für ihn sei Rauchen mit Genuss verbunden, Schockbilder mit dem Gegenteil.

„Ich habe für mich entschieden, dass ich das nicht will. Sehen Sie: Genuss soll doch dafür da sein, dass es den Menschen gut geht. Wie soll das denn mit solchen Packungen gehen? Das ist doch ein innerer Widerspruch. Mir geht es um das Wohlbefinden meiner Kunden und meiner Mitarbeiter. Würden Sie sich solche Gruselbilder in Ihr Wohnzimmer hängen? Als selbstständiger Kaufmann habe ich zum Glück die Möglichkeit, Wohlbefinden gegen Wirtschaftlichkeit abzuwägen – und habe mich für Ersteres entschieden.“

Natürlich bedeute der Verzicht auf Zigaretten eine ganz erhebliche Einbuße für ihn, aber er habe nun einmal so entschieden und sei nicht bereit, seinen Anspruch an Ästhetik und Genuss herunterzuschrauben.

„Das Interessante ist“, erzählt Christian Duske, „dass meine Stammkunden zu 99 Prozent sagen, sie verstünden meine Haltung. Manchmal sitze ich mit Kunden auf einen Kaffee draußen und plaudere ein wenig. Und viele meiner Kunden holen dann Zigaretten raus. Auch da decke ich die Schachteln dann ab oder bitte darum, sie nicht auf dem Tisch liegen zu lassen. Ich möchte das einfach nicht sehen müssen.“

Bildwarnhinweise verändern den „Coolness-Faktor“

Ein Gutes kann Duske den Schockbildern dennoch abgewinnen: „In meiner Jugend war die Zigarettenpackung wie eine Art Ausweis von Coolheit. Wenn heute ein Jugendlicher so eine Packung vor sich hinlegt, ist das ganz und gar nicht mehr cool. Wenn die Bilder dazu führen, dass Menschen sich erst im Erwachsenenalter und dann ganz bewusst für den Tabakgenuss entscheiden, sind die Bilder wenigstens insofern cool.“

Ein älterer Herr kommt ins Geschäft und wird vom Chef durch das Zigarrensortiment geführt, als wäre Zeit eine unendliche Ressource. Das ist sie ja auch. Also geben wir unseren Nasen nach, setzen uns nach draußen und bestellen Cappucinos. Wir nehmen uns vor, die Zigarette dazu heute besonders bewusst zu genießen.