10.10.2017 Stories

Wo ist Jac­ques Tatis Pfei­fe? Rau­chen in Frank­reich 2017

Gehört Rauchen in Frankreich 2017 nach wie vor zur „mode de vie“, zur französischen Lebensart à la Catherine Deneuve und Jean-Paul Sartre? REE:THINK hat mit einer Expertin gesprochen.

„Savoir-vivre“, „laissez-faire“, „liberté toujours“ – unsere französischen Nachbarn lassen es sich gutgehen und wissen das Leben zu genießen. Zu einem gelungenen Essen gehört ein Glas guten Weins, zum Café au lait auf der Terrasse eine Zigarette. Eine Zigarette? Immer noch? Wird der „mode de vie“, die französische Lebensart à la Catherine Deneuve und Jean-Paul Sartre, nach wie vor durch selbstverständliches Rauchen in der Öffentlichkeit repräsentiert?

REE:THINK hat mit Marie, Communications Manager bei Seita in Paris, über den Stellenwert des Rauchens heute in Frankreich – insbesondere in Paris – gesprochen.

REE:THINK: Marie, vor Kurzem hat das französische Gesundheitsministerium verkündet, den Preis für eine Schachtel Zigaretten sukzessive von derzeit ca. 6,70 Euro auf 10 Euro anzuheben. Hören die Franzosen jetzt mit dem Rauchen auf?

Marie: In Frankreich raucht etwa ein Drittel der Bevölkerung. Im Gegensatz zu Deutschland wird in Frankreich das Rauchen nicht per se als schlechte Angewohnheit angesehen. Gerade in Paris hat das Rauchen eine tief in der Gesellschaft verankerte kulturelle Tradition – besonders in intellektuellen Kreisen, bei Künstlern oder im französischen Film scheint die Zigarette ein präsentes Accessoire zu sein. Ich denke nicht, dass drastische Preiserhöhungen sofort aus Rauchern Nichtraucher machen. Dennoch: Einen Wandel hinsichtlich der Akzeptanz des Rauchens beobachten wir seit 2008, als das Rauchverbot in Gaststätten und Cafés in Kraft trat. Doch es braucht seine Zeit, um einen deutlichen Effekt zu erkennen und die Franzosen rauchen nach wie vor gern. Das größte Risiko des „Preis-Schocks“ sehe ich in der Hinwendung zu illegalen Tabakprodukten, die es auf dem Schwarzmarkt weiterhin für weniger als 10 Euro geben wird.

REE:THINK: Steigen die Franzosen jetzt auf E-Zigaretten um?

Marie: In Paris hatten wir 2012 einen regelrechten E-Zigaretten-Boom, überall öffneten entsprechende Shops, die sich jedoch auf Dauer nicht gehalten haben. Es gibt eine E-Zigaretten-Community, keine Frage, doch auch hier greifen immer wieder Einschränkungen: War es anfangs noch in der Metro oder am Arbeitsplatz erlaubt, müssen Dampfer mittlerweile auch vor die Tür gehen, um an ihrer E-Zigarette zu ziehen. Aber im Straßenbild von Paris sehe ich mehr Menschen mit E-Zigaretten, als beispielsweise in Berlin.

REE:THINK: Stichwort Öffentlichkeit: Französische Persönlichkeiten wie Coco Chanel oder Yves Saint Laurent sind ohne Zigarette nicht vorstellbar. Wie verhält es sich in Frankreich mit der Darstellung von Raucherinnen und Rauchern?

Marie: Da fällt mir direkt die Geschichte mit Jacques Tatis Pfeife ein. 2009 zeigte die Cinémathèque française eine Ausstellung über den bekannten französischen Regisseur, dessen Filmfigur Monsieur Hulot stets mit Pfeife unterwegs war – so auch auf einem der 2.000 Plakate, die in Paris auf die Ausstellung hinwiesen. Es zeigt eine Szene aus „Mein Onkel“ aus dem Jahr 1958, in der Hulot mit seinem Neffen Fahrrad fährt und dabei seine unverzichtbare Pfeife im Mund trägt. 1991 trat in Frankreich das Werbeverbot für Tabakwaren in Kraft und genau dieses Verbot zogen die Pariser Behörden nun heran, um die Darstellung der Pfeife auf den Ausstellungsplakaten zu verbieten. Das Objekt des Anstoßes wurde durch ein Windrädchen ersetzt – was wiederum zu Kontroversen in der Öffentlichkeit führte und eine Diskussion über veränderte Geschichtsschreibung in Gang setzte. Und alles nur wegen einer Pfeife.