Zigarettenverkauf im Vatikan
15.11.2017 Opinions

Ziga­ret­ten-Aus im Vati­kan. Der Papst als Chef­ein­käu­fer. Eine PR-Sto­ry.

Der Papst ver­bie­tet den Ziga­ret­ten­ver­kauf im Vati­kan“ – was für eine Schock­mel­dung. Was war gesche­hen? Ers­ter Gedan­ke: Die Ziga­ret­ten­in­dus­trie liegt auf einer Ebe­ne mit den Mafio­si, denen die Kir­che schon län­ger mit Exkom­mu­ni­ka­ti­on droht. Bei genaue­rer Betrach­tung offen­bart sich: Der Hei­li­ge Stuhl setzt sich bei etwas durch, wo es ihm leicht­fällt. Papst Fran­zis­kus ist mit sei­ner Ziga­ret­ten-Ent­schei­dung ein PR-Coup gelun­gen, der ihm welt­weit media­le Auf­merk­sam­keit beschert.

Ziga­ret­ten­ver­kauf im Vati­kan – das betrifft im Prin­zip nur das vom Vati­kan betrie­be­ne Duty-free-Geschäft, in dem Diplo­ma­ten, Ein­woh­ner und Ange­stell­te der Vati­kan­stadt steu­er­frei ein­kau­fen kön­nen. Himm­lisch sünd­haf­tes Duty-free auf Erden. Inwie­fern rau­chen­de Vati­kan­stadt-Besu­cher künf­tig Andor­ra als neu­es Urlaubs­ziel ent­de­cken wer­den, muss noch unter­sucht wer­den.

500 Packun­gen Ziga­ret­ten ste­hen einem Kar­di­nal monat­lich steu­er­frei zu. Das sind 50 Stan­gen oder mehr als 16,5 Packun­gen am Tag und somit fast eine Packung in der Stun­de – auch nachts, wäh­rend des Schla­fes. Poten­zi­al zur Ver­sor­gung gan­zer Dör­fer gewis­ser­ma­ßen.

Papst Franziskus hat also in die Warenlistung eines „Kaufhauses“ eingegriffen

Mehr nicht. Sozu­sa­gen als Moral-Reset. Und so begrün­det der Vati­kan sein künf­tig redu­zier­tes Sor­ti­ment mit der Sor­ge um die Mit­men­schen.

Das gilt nur begrenzt: Denn auf dem Peters­platz (Vati­kan­stadt) wer­den wei­ter­hin Ziga­ret­ten ver­kauft. Künf­tig kau­fen also ehe­mals pas­sio­nier­te Duty-free-Rau­cher ein paar Meter wei­ter ihre Ziga­ret­ten – nur nicht mehr Duty-free. Folgt man der Argu­men­ta­ti­on von Papst Fran­zis­kus, dann stellt sich die Fra­ge, wie­so er Mit­men­schen durch eine Aus­lis­tung schüt­zen will, Besu­cher, Pil­ger, Diplo­ma­ten und Ein­woh­ner am Peters­platz aber wei­ter­hin Tabak­wa­ren kau­fen und kon­su­mie­ren kön­nen.

Stör­te er sich an dem PR-Eti­kett als „Rau­cher­pa­ra­dies“, das der Duty-free-Stadt anhaf­tet? Sind all die Pil­ger und Tou­ris­ten Men­schen, denen die all­ge­mei­ne Gesund­heits­vor­sor­ge des Paps­tes nicht gilt? Ein Teu­fels­kreis für den Hei­li­gen Vater.

Diese Form von PR-Vorgängen ist kein Einzelfall

Indus­trie, Ein­zel­han­del und Dienst­leis­tungs­ge­wer­be sind voll sol­cher Bei­spie­le. Schau­en Sie ins Bad Ihres Hotel­zim­mers. Dort wird auf den mehr­fa­chen Gebrauch von Hand­tü­chern hin­ge­wie­sen. Aller­dings nicht mit dem Argu­ment, dass das Hotel nen­nens­wer­te Kos­ten spart, son­dern mit Blick auf den Umwelt­schutz. Umwelt­schutz kauft der Gast dem Hotel ab. Mehr Mar­ge bei glei­chen Zim­mer­prei­sen eher nicht. Neu­er­dings geht man bei Mehr­fach­über­nach­tun­gen schon dazu über, dem Gast eine klei­ne Über­ra­schung zu schen­ken, wenn er auf die Zim­mer­rei­ni­gung am Fol­ge­tag ver­zich­tet. Eine Dienst­leis­tung, die nicht mehr vom Hotel bezahlt wer­den muss – zum Preis eines klei­nen Obst­körb­chens oder Scho­ko­rie­gels. Spart Kos­ten. Der Gast sieht jedoch nur sei­ne klei­ne Über­ra­schung.

Und das Aus­lis­ten von Tabak­wa­ren? Es ent­fal­tet nur in der ver­kürz­ten Schlag­zei­le Wir­kung. Wer genau­er hin­schaut, sieht, dass das Ziga­ret­ten­ver­bot nur hei­ßer Rauch ist.

Nur neben­bei: Die Vati­kan­stadt ist nicht EU-Mit­glied. Sie pre­di­gen Was­ser – und trin­ken Wein. Apro­pos: Alko­hol wird wei­ter­hin vom Vati­kan ver­kauft. Vor allem Spit­zen­wei­ne. Vor­erst?

Heißt der Gesund­heits­schutz des Paps­tes jetzt in nächs­ter Kon­se­quenz: Mess­die­ner im Hoch­amt erst ab 18? TÜV-geprüf­te Belüf­tungs­sys­te­me für katho­li­sche Kir­chen? Abmah­nun­gen durch die Pro­tes­tan­ten bei Nicht­ein­hal­tung? Warn­hin­wei­se an der Kir­chen­tür? Oder muss der Geist­li­che künf­tig für die Zere­mo­ni­en vor die Kir­che in die Weih­räu­cher­ecke?

Aller­dings fragt man sich ange­sichts der gro­ßen Pro­ble­me der Welt und all der offe­nen Fra­gen, die es für die katho­li­sche Kir­che noch zu beant­wor­ten gilt, ob der Papst unbe­dingt auch noch die Tätig­keit eines Chef­ein­käu­fers über­neh­men muss. Die Prio­ri­sie­rung des Pon­ti­fi­kats geht wun­der­sa­me Wege. Zuwei­len hilft es, bei einer umfang­rei­chen To-do-Lis­te die unwich­ti­gen, aber schnell zu erle­di­gen­den Punk­te abzu­ar­bei­ten, um wie­der mehr Über­blick für das Wesent­li­che auf Erden zu bekom­men.

Zuwei­len muss man auch mal etwas tun, was die PR-Bera­ter emp­feh­len. Das bringt uns dann auf Erden oder im Him­mel nicht unbe­dingt wei­ter – wohl aber im PR-Olymp.

Ihre
Dore­en Neu­en­dorf (@ladoreen)
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